Eine Leise in der Welt der Lauten

Brainstormingrunde, Kaffeepause, Besprechung, Telefonate, Interviews – meine Arbeitstage halten viel für mich bereit und fordern mich jedes Mal neu heraus. Was für die einen ein lustiges Beisammensein ist, bei dem jeder seine Ideen in den Raum wirft, ist für mich eine unangenehme und angespannte Situation. Wenn Besprechungen bevorstehen, bereite ich mich den ganzen Vortag mit Notizen vor, damit ich bereits im Voraus weiß, mit was ich mich zu Wort melden könnte. Kunden spazieren herein, ich muss mich im Smalltalken beweisen und frage mich hinterher, was diese wohl von mir gedacht haben.

Introvertiert bedeutet nicht schüchtern

Ich bin introvertiert. Das heißt nicht, dass ich schüchtern bin, sondern, dass es für mich schwieriger und anstrengender ist, aus meiner Komfortzone zu treten. Ich bin abenteuerlustig, neugierig, spontan und gerne unter meinen Freunden. Aber für Menschen, die mich noch nicht lange kennen, bin ich die „Stille“, die „Schüchterne“.

Stille Redner, laute Denker

Ich fühle mich wohl in meiner Haut und bin mittlerweile so weit, dass ich gerne introvertiert und „eine Träumerin“ bin, weil ich weiß, dass es die lauten Alphatiere, genau so braucht, wie die Zurückhaltenden. Doch immer wieder werde ich, vor allem bei meiner Arbeit, nicht nur damit konfrontiert, sondern dafür kritisiert.

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Wer introvertiert ist, weiß genau, wie mühsam es sein kann, mit extrovertierten, lauten, selbstsicheren, gesprächigen Menschen zusammen zu sein, die das Gefühl haben, sich ständig mitteilen zu müssen. Trotzdem wissen wir, dass sich die lauten „Idealmenschen“ gerade im Beruf mehr durchsetzen und leichter von sich überzeugen können, wie wir. Doch auch wir haben unsere Vorteile: jedes Unternehmen braucht neben den Rednern, auch die Denker, die Ruhepole, die Zuhörer und die Versteher.

Seit ich im Berufsleben stehe, werde ich für meine Arbeit gelobt und für meine Persönlichkeit kritisiert. Meine Chefs haben immer schon bemängelt, dass ich mich zu wenig zu Wort melde, dass ich mich verstecke und dass ich mehr aus mir machen könnte. Das Problem ist, dass meine Vorgesetzten genau so gut zu mir sagen könnten, dass ihnen meine Augenfarbe nicht gefällt, denn daran könnte ich genau so wenig ändern, wie an meiner Persönlichkeit.

Ich habe mich im Laufe der letzten Jahre immer mehr zu einer selbstbewussten, jungen Frau entwickelt, die weiß was sie will und wie sie es umsetzt. Doch die Kritik an meinem ruhigen Wesen wird, ohne einen Atemzug darüber nachzudenken, weiter verübt. Meine Vorgesetzten wissen nicht, dass ich mich nicht so einfach verändern kann und auch nicht will, denn ich lasse die Menschen um mich herum auch so sein, wie sie wollen und ich finde es unfair, für etwas kritisiert zu werden, das eigentlich gar nicht so schlecht ist.

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Vorzüge der Introvertierten

Gerade im Journalismus, in dessen Bereich ich tätig bin, brillieren die stillen Poeten genau so, wie deren lautere Zeitgenossen. Trotzdem werden ständig Vergleiche gezogen. Es wird nicht jeder Mensch als Individuum betrachtet, sondern jeder sollte gleich sein: gleich gesellig, gleich nach außen gerichtet, gleich kontaktfreudig, gleich offen, gleich extrovertiert… und das finde ich schade.

Trotz allem merke ich, dass dank der immer wichtiger werdenden Psychologie in den Unternehmen langsam ein Umdenken stattfindet und unterschiedliche Persönlichkeiten mehr geschätzt werden. Forscher wissen schon lange, welche Vorzüge introvertierte Menschen haben, und dass deren Gehirne von dem ständigen Denken nachweislich mehr arbeiten, was erklärt, warum sie sich öfters zurückziehen möchten und sich nicht wohlfühlen, den ganzen Tag mit anderen Menschen zusammen zu sein.

Stille Wasser sind tief – und attraktiv.

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